| 18:56 Uhr

Brandenburg
Spur des Schleuser-Lastwagens führt nach Rumänien

Auf diesem Lkw wurden 51 Menschen nach Deutschland geschleust. Ermittler nahmen  ihn auf Bundespolizei-Gelände in Frankfurt (Oder) unter die Lupe.
Auf diesem Lkw wurden 51 Menschen nach Deutschland geschleust. Ermittler nahmen ihn auf Bundespolizei-Gelände in Frankfurt (Oder) unter die Lupe. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Frankfurt (Oder). Der Fall hatte für Schlagzeilen in Brandenburg gesorgt. 51 Flüchtlinge waren im September in einem Schleuser-Lkw auf der A12 entdeckt worden. Nun haben Ermittler die Spur der Schleuser zurückverfolgt – bis Rumänien.

Die Route des Schleuser-Lkw führte nach Erkenntnis der Ermittler von Rumänien über Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Polen bis nach Deutschland, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) mitteilte. Der in Untersuchungshaft sitzende türkische Fahrer soll diese Fahrstrecke schon einmal für eine frühere Schleuserfahrt genutzt haben.

Für Experten ist diese Erkenntnis keine Überraschung, dennoch liefert sie wichtige Hinweise, nicht nur für diesen Einzelfall. Die europäische Polizeibehörde Europol hat in einer gerade veröffentlichten Studie festgestellt, dass sich die Schmuggel-Routen der Schleuser immer weiter verteilen. Neben den bekannten See-Wegen über das Mittelmeer und die Ägäis gibt es einen immer größer werdenden Anteil von Schleuser-Transporten über Land. Nach dem weitgehenden Abriegeln der Balkanroute versuchen es die Schmuggler auf immer neuen Strecken.

Eine davon führt offenbar über Rumänien und Polen, wie der aktuelle Fall offenbart. Die Bundespolizei hatte Mitte September auf der Autobahn 12 bei Frankfurt (Oder) den in der Türkei zugelassenen Lastwagen gestoppt. Auf der von außen verschlossenen Ladefläche waren 51 Flüchtlinge, darunter viele Kinder. Die Menschen mussten dort nach damaligen Angaben der Bundespolizei auch ihre Notdurft verrichten.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte: „Wir gehen davon aus, dass er bei beiden Taten die gleiche Route genommen hat.“ Die Ermittler sind sich sicher, dass der Mann bereits im August einen Schleuser-Lastwagen nach Deutschland fuhr. Am 30. August hatten Bundespolizisten 20 Iraker und Iraner aufgegriffen, die auf einer Bundesstraße zu Fuß unterwegs waren. Darunter waren auch Kinder. Ihren Angaben zufolge waren sie nach der Einschleusung abgesetzt worden.

Die Ermittlungen gegen den türkischen Fahrer wegen Einschleusung von Ausländern sowie zu etwaigen Hintermännern laufen noch, wie es von der Behörde weiter hieß. Zunächst hatten die Ermittler vermutet, dass ein Syrer, der sich auch auf der Ladefläche befand, ein Komplize des Fahrers gewesen sein könnte. Später teilte die Staatsanwaltschaft dann mit, dass sich der Tatverdacht nicht bestätigt habe. Der Haftbefehl gegen den 26-Jährigen wurde daraufhin aufgehoben.

Hinter den Schleusern stehen nach Erkenntnissen von Europol Gruppierungen des Organisierten Verbrechens. Während die Schleuser meist Nicht-Europäer aus den gleichen Ländern wie die Flüchtlinge sind, finden sie Kooperationspartner in kriminellen Vereinigungen, die bereits aus anderen dunklen Geschäfte Schmuggelrouten in die EU nutzen. Drei Viertel aller Verdächtigen in Schleuserfällen haben den Erkenntnis von Europol zufolge Verbindungen zu anderen Verbrechensfeldern. Vor allem im Drogen- oder Menschenhandel bieten sich Synergie-Effekte für kriminelle Netzwerke wie die Mafia.

Für die Ermittler ist es schwierig, die Netzwerke hinter den Schleusern aufzudecken, weil diese meist arbeitsteilig agieren. Während sich die führenden Köpfe im Hintergrund halten und die Routen und Zusammenarbeit koordinieren, gibt es in den jeweiligen Ländern Organisatoren, die wiederum kleinere Kriminelle für die Arbeit vor Ort leiten. Zum Anwerben der Flüchtlinge, die für den Transport teuer bezahlen müssen, werden in der Regel Helfer der gleichen Nationalität eingesetzt.

Am Ziel – häufig Deutschland – werden die Flüchtlinge von den Schleusern dann einfach ausgesetzt und sich selbst überlassen. Manchmal auch schon vorher. So hatte Ende August die Bundespolizei im sächsischen Bad Muskau 40 eingeschleuste Iraker in Gewahrsam genommen. Einige von ihnen erklärten, dass sie mit einem Lastwagen von der Türkei nach Polen gebracht worden seien. Die Schleuser hätten sich abgesetzt, und sie seien dann zu Fuß nach Deutschland gegangen. Ende August hatte die Bundespolizei bereits 20 Iraner und Iraker, darunter auch Kinder, auf einer Bundesstraße bei Heinersdorf im brandenburgischen Grenzgebiet aufgegriffen. Auch sie gaben laut Polizei an, mit einem Lastwagen eingeschleust und dann abgesetzt worden zu sein.

Korruption spielt eine wichtige Rolle in der Arbeit der Schmuggler. Lokale Beamte etwa des Zolls werden bestochen, um Fahrzeuge passieren zu lassen. Angesichts der enormen Umsätze der Schleuser ein lohnenswertes Geschäft. Europol geht allein für 2015 von einem Geschäftsumfang von vier bis fünf Milliarden Euro aus.

(dpa/bob)