| 16:23 Uhr

Drama in Potsdam-Mittelmarkt
Hündin nach Wolfsangriff eingeschläfert

Die lebenslustige Terrier-Hündin Angie hat einen Wolfsangriff nicht überlebt.
Die lebenslustige Terrier-Hündin Angie hat einen Wolfsangriff nicht überlebt. FOTO: privat
Steinberg. In Steinberg im Landkreis Potsdam-Mittelmark hat erstmals ein Wolf einen Familienhund auf einem umzäunten Privatgrundstück attackiert – das Tier musste eingeschläfert werden. Der Amtsdirektor fordert Konsequenzen. Von Frank Bürstenbinder (MAZ)

Jeden Tag fahren 40 000 Pkws und mehr als 10 000 Laster an Steinberg (Potsdam-Mittelmark) vorbei. Das Grundrauschen einer Autobahn, die nie schläft, hat neuerdings Konkurrenz bekommen. Es ist der vielstimmige Chor der Dorfhunde. Es gibt Nächte, in denen die vierbeinigen Alarmanlagen um die Wette winseln, jaulen und kläffen. Auch Angie schlug immer wieder seit Weihnachten in ihrem mit einem Stabgitterzaun gesicherten Revier Krach. Der Parson Russell Terrier war das, was man einen aufgeweckten Hund nennt: vital, unerschrocken und immer zu Späßen aufgelegt. Bis zu jenem Morgen, als Kerstin Schöbe frisches Blut vor ihrer Haustür entdeckte.

Sigrid Kabelitz (l.) hat sechs Kälber an den Wolf verloren. Kerstin Schöbe trauert ihrer Terrier-Hündin Angie nach.
Sigrid Kabelitz (l.) hat sechs Kälber an den Wolf verloren. Kerstin Schöbe trauert ihrer Terrier-Hündin Angie nach. FOTO: Frank Bürstenbinder

Es passierte zur besten Aufstehzeit, als Nachbarn die Schnitten für die Schulkinder schmierten. „Auf der Suche nach Angie kam mir die Hündin entgegengehumpelt. Die linke Vorderpfote fehlte – abgefressen von einem Wolf“, berichtet die Steinbergerin. Was sie bei ihrer Vermutung so sicher macht, zeigt der Blick auf die tagelange Bildergalerie einer am Grundstückszaun montierten Wildkamera. Ein Wolfsfoto folgt dem nächsten. Aufgenommen nicht nur in tiefer Nacht, sondern auch in den Morgenstunden. Ungeniert wagen sich die grauen Räuber bis in die Nähe der Menschen.

Dieser Steinberger Wolf bewegt sich auf den Grundstückszaun von Kerstin Schöbe zu.
Dieser Steinberger Wolf bewegt sich auf den Grundstückszaun von Kerstin Schöbe zu. FOTO: privat

Von Kerstin Schöbes Küchenfenster bis zum robusten Grundstückszaun samt Betonsockel sind es gerade mal zehn Meter. Ein Wolf muss Angie durch die Gitterstäbe zu packen bekommen haben. Fellreste belegen das Drama. Die schwer verletzte Terrier-Dame wurde in eine Potsdamer Tierklinik gebracht. Dort sahen Ärzte nur die Möglichkeit den gesamten Vorderlauf zu amputieren. Doch um der 13-jährigen Hündin ein Leben als Krüppel zu ersparen, entschlossen sich die Besitzer Angie einschläfern zu lassen.

Der tragische Vorfall hat Kerstin Schöbe die Augen geöffnet: „Ich hätte nie gedacht, dass Angie auf unserem Hof etwas passieren könnte.“ Bei ihren geliebten Spaziergängen durch die Feldmark wird sie nicht mehr von ihrer Hündin, sondern von einem flauen Gefühl im Magen begleitet. Sie schaut sich öfter abrupt um, sucht Waldkanten nach verdächtigen Bewegungen ab. Wolfssichtungen wären noch die harmlosesten Ereignisse, wie sie inzwischen fast täglich in der Gemeinde Buckautal südlich der A 2 vorkommen.

Ziesars Amtsdirektor Norbert Bartels, der selbst in Steinberg lebt, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Kinder trauen sich im Dunkeln nicht mehr vor die Tür. Der Wolf schränkt unser Leben ein. Wir brauchen Entscheidungen, die den Wolf kurzhalten. Sonst wird alles nur noch schlimmer.“ Bartels vergleicht die Lage in Steinberg mit einem Belagerungszustand und warnt vor gefährlichen Mischungen zwischen Wolf und Hund.

Die grauen Räuber dringen am helllichten Tage bis an die Siedlungskante vor. So jagten Wölfe vor wenigen Tagen über eine nahe Koppel, um zwei Kälber von ihrer Mutterkuh zu trennen. Sigrid Kabelitz war Augenzeugin. Die Bäuerin verfolgte das schaurige Schauspiel von einem Futterhänger: „Die Alte hat gebrüllt wie verrückt und verteidigte ihre Zwillinge mit den Hörnern“, erzählt sie.

Schleichend verändern diese und andere Vorfälle den Alltag im Dorf. Mit dem Fahrrad fährt Kabelitz nicht mehr zu den Koppeln. Ihre beiden schulpflichtigen Enkel bringt sie jeden Morgen mit dem Auto bis zur Bushaltestelle. Dabei wären es nur 200 Meter zu Fuß. „Hier ist nichts mehr so wie früher. Die Sache mit dem Hund hätte auch einem Kind passieren können“, so Kabelitz. Die Steinbergerin hat selbst bittere Erfahrungen mit dem Wolf machen müssen. Sechs Kälber sind ihrer Familie, die im Nebenerwerb eine Mutterkuhhaltung betreibt, bis Ende 2017 gerissen worden.