| 15:43 Uhr

Vor der Berlinale
Eisenhüttenstadt als aufstrebende Filmstadt

Perfekte Kulisse: Der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ wurde zum Teil in Eisenhüttenstadt gedreht.
Perfekte Kulisse: Der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ wurde zum Teil in Eisenhüttenstadt gedreht. FOTO: Stefan Lötsch / MOZ/Stefan Lötsch
Berlin/Eisenhüttenstadt. Bei der am Donnerstag beginnenden Berlinale gehen 24 Filme an den Start, 19 konkurrieren um den goldenen und silbernen Bären. Einige der Produktionen gehen mit viel Lokalkolorit in den Wettbewerb. So der Streifen „Das schweigende Klassenzimmer“ – ein fast ausschließlich in Oder-Spree gedrehter Film.

Ab Donnerstag wird Berlin zehn Tage ganz im Scheinwerferlicht des internationalen Films stehen. Die 68. Internationalen Berliner Filmfestspiele prägen als größtes Publikumsfestival die Hauptstadt. Rund 400 Beiträge kommen in den unterschiedlichen Sektionen zur Aufführung. Von den 24 Filmen im Wettbewerb konkurrieren 19 um den goldenen und die silbernen Bären. Darunter sind diesmal vier deutsche Beiträge.

Die Filmindustrie ist in Brandenburg zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Im vergangenen Jahr seien an rund 5000 Drehtagen im Land Ausgaben von 150 Millionen Euro generiert worden, sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) am Montag vor Beginn der Berlinale.

Bei dem Festival laufen auch 15 vom Medienboard Berlin-Brandenburg unterstützte Filme. „Damit spiegelt sich bei den Filmfestspielen auch das Filmschaffen unserer Region wider“, erklärte Gerber.

Die Filmindustrie sei nicht nur auf die Babelsberger Filmstudios beschränkt. Filmwirtschaft und Tourismus seien immer stärker verflochten. So würden viele Drehorte im Rahmen des Kulturtourismus vermarktet.

Außerdem würden Medien- und Informationstechnologien zunehmend zusammenwachsen. Die Anerkennung von Potsdam als eines von zwölf digitalen Zentren im Rahmen eines Wettbewerbs des Bundeswirtschaftsministeriums sei dabei vergangenes Jahr ein Meilenstein gewesen. „Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es eine solche Nähe zwischen Medienwirtschaft und Forschung, auch im Sinne einer gelebten Kooperation“, sagte Gerber.

Aber auch Eisenhüttenstadt ist bei Filmemachern nicht unbekannt. So berichtet die Märkische Oderzeitung (MOZ) am Dienstag, dass Tom Hanks gewissermaßen „die Welle losgetreten“ hatte, als er 2012 im US-Fernsehen von seinem Besuch in „Iron-Hut-City“ schwärmte. Die MOZ war es dann, die dem Hollywood-Star zwei Jahre später in Eisenhüttenstadt einen blauen Trabant schenkte.

Auf jeden Fall ist die ehemalige sozialistische Planstadt eine „upcoming Filmtown“, eine aufstrebende Filmstadt, wird Kirsten Niehuus vom MOZ-Autor Mathias Hausding zitiert. Und weiter: Die Chefin des Medienboards Berlin-Brandenburg, dem regionalen Filmförderer, erinnerte daran, dass am 20. Februar mit „Das schweigende Klassenzimmer“ ein fast ausschließlich in Oder-Spree gedrehter Film im Wettbewerb der Berlinale an den Start geht, während beinahe zeitgleich der Regisseur Bernd Böhlich sein Drama „Warum?“ unter anderem in Eisenhüttenstadt dreht.

„Es gibt dort eine wahnsinnig tolle Kulisse und sehr hilfsbereite Anwohner“, blickte Filmemacher Lars Kraume mit Lob und Dank auf seine sechs Wochen in der Stahlstadt zurück. Vor nunmehr einem Jahr drehte er dort „Das schweigende Klassenzimmer“, ein Drama nach einer wahren Begebenheit im Storkow der 1950er-Jahre, als eine Schulklasse den Widerstand gegen die SED-Diktatur probte.

Es ist nicht die einzige Produktion aus der Region im Hauptprogramm der Berlinale. Schon der mit Spannung erwartete Eröffnungsfilm, Wes Andersons „Isle of Dogs“, entstand zum Teil in Potsdam-Babelsberg. Hinzu kommen drei weitere Streifen mit Lokalkolorit im Wettbewerb sowie zehn Produktionen in Nebenkategorien des Festivals.

Der Rückblick auf 2017 kann sich ebenfalls sehen lassen. Zu Buche stehen unter anderem drei Nominierungen bei der kommenden „Oscar“-Verleihung für Kunstwerke aus Berlin-Brandenburg.

Also alles gut? Mitnichten. Auf der Pressekonferenz in der Staatskanzlei schockierte der Babelsberger Studio-Chef Charlie Woebcken seine Branchenkollegen mit der Hiobsbotschaft, dass die dritte Staffel der erfolgreichen US-Serie „Berlin Station“ nicht in der Bundeshauptstadt, sondern im ungarischen Budapest produziert wird. „Und mit ‚Counterpart’ wackelt bereits eine zweite wichtige Serienproduktion“, fügte er mit düsterer Miene hinzu. Dessen nicht genug: 2017 war für das Babelsberger Studio kein gutes Jahr. „Unsere Auslastung lag bei 25 Prozent. Das ist absolut unbefriedigend.“

Die Hauptschuld daran trage das „international nicht konkurrenzfähige“ Filmfördersystem in Deutschland, so Woebcken. Hinzu komme ganz aktuell, dass es noch immer keine Bundesregierung und damit für wichtige Projekte keine Finanz-Zusagen gebe. „Die Macher von Groß-Produktionen gehen nach Prag oder Budapest, wo sie bessere Bedingungen vorfinden.“

Regisseur Lars Kraume, der sich „erschüttert“ von der Nachricht über den Abgang von „Berlin Station“ zeigte, erklärte sodann aus seiner Sicht, woran die Filmförderung auf Bundesebene kranke. „Wenn ich zum Beispiel für Mitte dieses Jahres ein Projekt plane und mich um die Finanzierung bemühe, weiß ich lange nicht, wie viel Geld es tatsächlich gibt. Es kann dann unter Umständen viel weniger als gedacht sein und ich muss die Produktion verschieben. Mein Team macht eine solche Unsicherheit nicht mit. Die Menschen müssen schließlich Geld verdienen.“

Kraumes und Woebckens Plädoyer: Die Förderung müsse zuverlässig sein und es dürfe keine Kappungsgrenzen geben. Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber teilte diese Sicht in vollem Umfang: „Große Produktionen brauchen langfristige Sicherheit“, sagte Gerber.

(MOZ-Mathias Hausding/KNA/red/fh)