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Partner können Depressiven kaum helfen

Für Betroffene und Angehörige gibt es auch Selbsthilfegruppen.
Für Betroffene und Angehörige gibt es auch Selbsthilfegruppen. FOTO: Robert Seidel/Christian Köhler
Weißwasser. Depression kann jeden treffen. Unter diesem Titel hat das soziale Netzwerk Oberlausitz eine Informationsveranstaltung im Stadtpavillon durchgeführt. Ein Betroffener und ein Psychologe klärten darüber auf, was Depression ist, wie man ihr begegnet und welche Heilchancen es gibt. Christian Köhler

"Was kann ich als Angehörige tun, um einem schwer Depressiven zu helfen?", will ein Gast beim Informationsabend zur Depression im Weißwasseraner Stadtpavillon vom Psychologen Thomas Kroll wissen. "Wenig bis nichts", erwidert dieser nüchtern und fährt fort: "Als Partner, so schwer wie das sein mag, können sie keine Depression besiegen." Es bliebe, dem Depressiven immer wieder zu Mut zu zusprechen und sich auch selbst abzugrenzen, "auch wenn es schwierig ist".

Depression ist eine der Haupterscheinungen bei psychischen Erkrankungen. Derzeit sind in Deutschland offiziell vier Millionen Menschen von Depressionen betroffen, erklärt Psychologe Thomas Kroll, "allerdings dürfte die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegen." Er zählt den etwa 100 Interessenten auf, welche verschiedene Arten der Depression es gibt, dass die Krankheit zwar bis zum Tod führen könne, aber heilbar ist. "Dafür ist die Grundvoraussetzung eine Therapie", so Kroll. Oft stellt sich während der Therapie heraus, dass die eigentliche Ursache der Depression in der Kindheit liegt. Es ist aus Psychologensicht häufig zu beobachten, dass Eltern mit den später erkrankten Kindern überfordert gewesen sind. Diese wiederum reagieren mit Anpassung. "Sie sollen funktionieren", beschreibt Kroll, "und angepasste Kinder neigen später zu depressiven Reaktionen". In den Therapien soll den Depressiven ein erhöhtes Selbstwertgefühl gegeben und ihn ein Zugang zu eigenen Gefühlen ermöglicht werden. "Das Problem dabei ist, dass Depressive häufig glauben, gar nicht krank zu sein", erklärt der Psychologe.

Genauso erging es Uwe Baumgart aus Görlitz. Damals hat er auf der Arbeit gesessen und ist einfach nicht mehr mit sich klargekommen. Nachdem er 27 Jahre im Kraftwerk Hagenwerder die Inbetriebsetzung und schließlich die Stilllegung begleitet hat, kam in seiner weiteren Tätigkeit der seelische Zusammenbruch "Ich musste die Notabschaltung meines Körpers einleiten", erinnert er sich, "ich habe meine Familie im 650 Kilometer entfernten Görlitz angerufen und mich nach Hause bringen lassen". Seinem Arbeitgeber ließ er wissen, dass er krank sei. Eine Woche würde ihm reichen, sich auszukurieren, dachte er. Aber das war ein Irrtum. Nach vier Wochen sagt ihm der Arzt: "Herr Baumgart, sie sind psychisch krank." Und überwies ihn damit in die Fachklinik für Psychiatrie. Die Diagnose: Burnout, mittelgradige bis schwere Depression sowie einhergehende Angsterkrankung. Zudem litt der ehemalige Schichtleiter im Kraftwerk Hagenwerder an Herzrasen. "Ich konnte einfach nicht begreifen, dass meine körperlichen Leiden vom Kopf kommen", sagt er. "Schlimmer noch: Ich dachte, ich bin überhaupt nicht krank."

Das Publikum im Stadtpavillon ist gebannt. Uwe Baumgart sagt das, was Viele beschäftigt. Wochenlang hat der Görlitzer auf dem Sofa gelegen, keine Kraft und Mut besessen, irgendetwas zu machen. "Viele haben gedacht, ich wäre faul und träge", beschreibt er seine damalige Situation. "Aber ich konnte einfach nicht mehr." Depression ist für ihn eine Zeitkrankheit. Vom Beginn der Ursachen bis zum Ausbruch der Krankheit können Jahre vergehen.

Es begann mit den Stilllegungsplänen des Kraftwerks 1991 und endete mit dem Verlust des Arbeitsplatzes 2004. Die Depression hat ihm viel Zeit genommen, ihn gezwungen, zu grübeln, sich Schuldgefühle einzureden. "Es gibt so viele Details, über die ich erst während der Therapie gesprochen habe", sagt Baumgart. Psychotherapie, das persönliche Gespräch mit Fachmedizinern, Mitarbeit in Selbsthilfegruppen, die Unterstützung durch den Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises und nicht zuletzt das Geborgensein in der Familie waren und sind wesentliche Elemente, um aus dem Loch einer Depression zu entkommen. Mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen, Humor und Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen, dazu rät er Betroffenen, denen "die Seele Schmerzen bereitet". Noch heute nimmt Uwe Baumgart psychotherapeutische Angebote wahr. Das Thema Depression in die Öffentlichkeit bringen, das Tabu zu brechen und sich selbst nicht als Versager mit Schuldgefühlen zu sehen, das will Uwe Baumgart erreichen.

Psychologe Thomas Kroll, der jeden Montag in Weißwasser zu erreichen ist, richtet noch klare Worte an die Öffentlichkeit: Bei Depressiven handle es sich um Kranke, die oftmals gleiche Stadien durchlaufen: Nach langem Grübeln würden sie sich immer weiter aus dem gesellschaftlichen und familiären Leben zurückziehen, bis sie schließlich völlig isoliert sind. Diese Abwärtsspirale setze sich soweit fort, bis sich das gesamte Denken des Erkrankten nur noch um Selbstvorwürfe drehe. "Wichtig ist, selbst aus der Lethargie herauskommen zu wollen", erläutert Kroll eines der Ziele der Therapie. Darauf zu warten, dass sich irgendetwas ändert, bringe nichts. Man müsse lernen, Verantwortung zu übernehmen und auch abzugeben. "Das gilt für Führungspersonal wie für die Mutter, die ihrem 28-jährigen Kind noch die Klamotten wäscht", so der Psychologe.

Die Schirmherrin der Informationsveranstaltung, die Allgemeinmedizinerin Kornelia Seidel, hat die Veranstaltung auch finanziell unterstützt: "Ich möchte auf die Krankheit aufmerksam machen", sagt sie. In ihrer täglichen Arbeit komme sie immer häufiger mit psychischen Erkrankungen in Kontakt. "Wir haben einfach viel zu wenig Psychologen in unserer Stadt", stellt Kornelia Seidel fest. Deshalb sei Aufklärung das A und O. Sie habe es gefreut, dass so viele Interessenten gekommen sind. "Noch mehr hätte ich mich gefreut, wenn mehr Betroffene und Kollegen gekommen wären", sagt sie.

Zum Thema:
Die Psychologie unterscheidet mehrere Arten der Depression. Gegenwärtig wird zwischen depressiven Episoden und rückfällige, depressive Störung unterschieden. Daneben gibt es unter anderem somatisierte, organische, agitierte und atypische Depression. Als Sonderfall wird auch Dysthymie beschrieben, die eine chronische Depression bezeichnet. Erkrankte würden über Jahrzehnte an Niedergeschlagenheit leiden.