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| 17:45 Uhr

Vor Ort in Spremberg
Die nassen Folgen des Tagebaus

René Nakoinz, der Cantdorfer Ortsvorsteher, erklärt Michael Gäbel, Ulrich Fehlig, Marion Schulze-Hanisch über einer Karte seine Befürchtungen zum Grundwasserwiederanstieg.
René Nakoinz, der Cantdorfer Ortsvorsteher, erklärt Michael Gäbel, Ulrich Fehlig, Marion Schulze-Hanisch über einer Karte seine Befürchtungen zum Grundwasserwiederanstieg. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. RUNDSCHAU-Redakteure diskutieren mit Experten und Sprembergern übers Grundwasser. Von René Wappler und Annett Igel-Allzeit

Die vergangenen Hochwasser bewirkten, dass  die Cantdorfer um den Ortsteilstatus gekämpft und einen regen Ortsbeirat gewählt haben. Ortsvorsteher René Nakoinz möchte auch für den Grundwasserwiederanstieg nach dem Tagebau gewappnet sein. Zur jüngsten Gewässerschau stand er mit den Verantwortlichen des Gewässerverbandes Spree-Neiße und der Unteren Wasserbehörde vor einer Wiese: „Wenn das Grundwasser wieder ansteigt, wird hier das Wasser sprudeln und eine Art Brunnen entstehen.“ Er will deshalb präventiv auch dort einen Graben. Doch die Experten vom Gewässerverband und der Unteren Wasserbehörde Spree-Neiße schütteln den Kopf. „Wenn auf der Wiese jetzt noch kein Wasser steht, wie wollen Sie den Graben begründen?“, fragt Marion Schulze-Hanisch von der Unteren Wasserbehörde den Cantdorfer.

An der Begründung wird gearbeitet. Wie Uwe Steinhuber, Pressesprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV), bestätigt, haben sich die Bundesregierung und die Bundesländer, in denen Bergbau betrieben wird, verständigt, dass sie den Betroffenen bei der Bewältigung der Probleme mit dem tagebaubedingten Grundwasserwiederanstieg helfen. Zwar sei die Verantwortlichkeit nicht endgültig geklärt, aber Bund und Land wollen sich die Kosten für die Gefahrenabwehr zu je 50 Prozent teilen. „Wir als LMBV sind beauftragt, Lösungen zur Gefahrenabwehr zu finden“, sagt Steinhuber. Und tatsächlich gibt es nicht nur Studien wie die von Kathy Sommer zu den Auswirkungen des Grundwasseranstiegs für Lauchhammer aus dem Jahr 2012, sondern auch Schutzbauwerke.  Der Südgraben Altdöbern ist seit 11. April in Betrieb. Nach dem Ende des Tagebaus Greifenhain 1994 begann 1998 die Flutung des Altdöberner Sees. „Schrittweise“, so Steinhuber, „steigt das Grundwasser an.“

Doch für den Spremberger Raum könnten sich mit den Revierveränderungen durch den Bergbaubetreibers Leag 2017 die Grundwasserwiederanstiegs-Prognosen verändern. Es wird neu gerechnet. Denn es geht auch um Sprembergs Trinkwasservorrat und die Sulfatfahne. 2016 waren laut Bernd Schmied, Verbandsvorsteher des Spremberger Wasser- und Abwasserzweckverbandes (SWAZ), zwei Szenarien denkbar: Wird der Tagebau Nochten I geflutet, fließt das Grundwasser auf seinem natürlichen Weg samt Sulfatfahne zum tiefsten Punkt – zur Spree. Schreitet andererseits der Tagebau Nochten II voran, so die Annahmen 2016, wird Sprembergs Trinkwasservorrat, der sich ständig neu bilden muss, zu klein, weil das Grundwasser dann wieder von den Tagebaurandriegeln angezogen würde. Überlegt wurde, die 2011 gebaute Brauchwassertrasse von der Bloischdorfer Rinne zum Industriepark Schwarze Pumpe zur neuen Quelle fürs Spremberger Trinkwasser zu entwickeln. Ein teures Vorhaben, dessen Kosten sich der damalige Bergbaubetreiber Vattenfall, der Wirtschaftsförderer ASG und der SWAZ teilen wollten.

Die Leag änderte Ende März 2017 das Revierkonzept: Statt eines neuen Feldes Nochten II will sie nur noch ein kleines Sonderfeld Mühlrose. Für die Teilfläche I in Welzow-Süd ist die Verlängerung der Laufzeit um zehn Jahre beantragt. Ob Teilfeld II in Welzow kommt, will die Leag bis 2020 entscheiden. Was bedeutet das für den Grundwasserwiederanstieg, für den Trinkwasservorrat? Was wird aus der Kochsa in Cantdorf, die an den Tagebau ihre Quelle verlor? Sollte  Spremberg die neue Schwimmhalle in den Kochsagrund setzen? Der Einbau von Drainagen, die in Trattendorf zum Ableiten des Grundwassers geplant sind, soll 600 000 Euro kosten, die Wartung wegen des Eisengehalts im Wasser 20 000 Euro im Jahr.

Thomas Primm führt mit seinem Bruder Sicco ein Brunnenbau-Unternehmen in Spremberg. Der Vater gründete den Betrieb 1967. Fast zwei Jahrzehnte später stieg Thomas Primm in die Firma ein. Bereits zu DDR-Zeiten hatten Brunnenbauer als selbstständige Unternehmer ordentlich zu tun, wie er berichtet. „Wir kümmerten uns um Arbeiten, für die sich die volkseigenen Betriebe zu schwerfällig zeigten“, sagt Thomas Primm. „Ähnlich wie bei den kleinen Fleischern: Ohne die ging ja auch nichts in der DDR.“

Zu den Aufgaben des Unternehmens zählt nicht nur der Brunnenbau. Es erkundet auch Altlasten und senkt Grundwasser ab. Thomas Primm: „Wenn eine Leitung im Bereich des Grundwassers verlegt wird, muss der Pegel für die Dauer der Bauarbeiten niedriger gehalten werden.“ Da sich die Firma auf solche Projekte spezialisiert hat, verfolgt Primm die aktuellen Diskussionen zu den Folgen des Tagebaus in der Spremberger Region. Mit Blick auf den geplanten Neubau der Schwimmhalle am Kochsagrund sagt er: „Zwar würde es meiner Meinung nach völlig ausreichen, das bestehende Gebäude vernünftig zu sanieren. Aber insofern das Grundwasser einen Einfluss auf die Gegend am Kochsagrund haben sollte, spielt das nicht die gewichtige Rolle für eine Schwimmhalle, so lange sie mit einem Keller und einer richtigen Wanne abgedichtet wird.“

Für Prognosen zum Anstieg des Grundwassers nach dem Tagebau empfiehlt der Brunnenbauer einen Blick in die Vergangenheit. „Der Pegel wird nur so hoch steigen, bis er das Niveau aus der Zeit vor dem Bergbau erreicht“, sagt Thomas Primm. „Insofern ist das Problem in gewissem Rahmen berechenbar.“

LR vor Ort 4c
LR vor Ort 4c FOTO: LR